Das Bienenvolk als Superorganismus

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Das Bienenvolk als Superorganismus

Warum bei Bienenstockluft auch die Perspektive der Bienen zählt

Wenn wir über Bienenstockluft sprechen, richtet sich der Blick häufig zuerst auf den Menschen.

Wie gelangt die Luft zum Anwender? Welche Bestandteile enthält sie? Wie sollte eine professionelle Anwendung aufgebaut sein?

Doch es gibt noch eine andere Perspektive.

Die der Bienen.

Denn Bienenstockluft entsteht nicht in einem technischen Behälter. Sie entsteht im Lebensraum eines hochorganisierten Bienenvolkes.

Tausende einzelne Bienen wärmen, kühlen, ventilieren, sammeln, verarbeiten und kommunizieren. Gemeinsam schaffen sie Bedingungen, die keine einzelne Biene allein erzeugen könnte.

In der Wissenschaft wird ein Honigbienenvolk deshalb als Superorganismus betrachtet.

Was bedeutet das für die Bienenstockluft?

Wer die besondere Umgebung eines Bienenstocks nutzen möchte, sollte zuerst verstehen, wie dieses lebende System funktioniert.

Was ist ein Superorganismus?

Ein Bienenvolk besteht aus Tausenden einzelnen Tieren – und dennoch lässt sich vieles, was in einem Bienenstock geschieht, erst verstehen, wenn man das Volk als Ganzes betrachtet.

Genau hier setzt der Begriff Superorganismus an.

In der Biologie beschreibt der Begriff hochintegrierte soziale Gemeinschaften, bei denen sich zentrale Funktionen auf verschiedene Individuen verteilen und auf Ebene der Kolonie Eigenschaften entstehen, die über das Verhalten eines einzelnen Tieres hinausgehen. In der Forschung wird das Honigbienenvolk häufig als Superorganismus betrachtet – also als zusätzliche biologische Organisationsebene oberhalb der einzelnen Biene.

Bei einem Honigbienenvolk sind lebenswichtige Aufgaben auf viele Individuen verteilt. Die Königin übernimmt den größten Teil der Fortpflanzung. Arbeiterinnen versorgen die Brut, bauen und pflegen Waben, verarbeiten Nahrung, bewachen den Bienenstock, sammeln Nektar, Pollen, Wasser und Pflanzenharze und beteiligen sich an der Regulation des Bienenstockklimas.

Dabei gibt es keine einzelne Biene, die alle Abläufe zentral steuert. Arbeiterinnen reagieren auf lokale Informationen, Signale und die jeweils vorhandenen Bedürfnisse des Volkes. Aus diesen vielen Einzelreaktionen können auf Ebene der Kolonie koordinierte Prozesse entstehen.

Das Ganze kann damit Eigenschaften hervorbringen, die die einzelne Biene allein nicht besitzt.

Besonders anschaulich ist die kollektive Entscheidungsfindung. Forschungen zur Honigbiene zeigen, dass ein Volk als gemeinsame Entscheidungseinheit agieren kann – beispielsweise bei der Verteilung von Sammlerinnen auf unterschiedliche Futterquellen oder bei der Wahl eines neuen Nistplatzes. Informationen werden von einzelnen Bienen eingebracht und durch Kommunikation und Rückkopplung innerhalb der Gruppe verarbeitet. Die Entscheidung entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Individuen, nicht aus der Anweisung einer zentralen Instanz.

Auch die Arbeitsteilung ist dynamisch. Arbeiterinnen übernehmen im Verlauf ihres Lebens unterschiedliche Aufgaben, und die Verteilung der Tätigkeiten kann sich an den Bedarf des Volkes anpassen. So entsteht aus vielen spezialisierten und wechselnden Einzelaufgaben eine funktionierende Gemeinschaft.

Man kann sich das vereinfacht wie bei einem vielzelligen Organismus vorstellen: Nicht jede Zelle erfüllt dieselbe Aufgabe. Unterschiedliche Zellen und Gewebe übernehmen unterschiedliche Funktionen, tragen aber gemeinsam zum Erhalt des Organismus bei. Bei einem Bienenvolk bleiben die einzelnen Bienen selbstverständlich eigenständige Tiere – auf Kolonieebene entsteht jedoch eine zusätzliche Organisationsebene.

Die einzelne Biene ist deshalb nur ein Teil der Geschichte. Viele entscheidende Eigenschaften entstehen erst auf Ebene des gesamten Bienenvolkes.

Gerade für die Bienenstockluft ist diese Perspektive wichtig. Denn auch die Umgebung, aus der diese Luft stammt, wird nicht von einer einzelnen Biene geschaffen.

Sie entsteht im Zusammenspiel von tausenden Bienen, Brut, Waben, Wachs, Propolis, eingetragenen Pflanzenstoffen sowie physikalischen Bedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit und Luftbewegung. Gleichzeitig wirkt die Außenwelt auf dieses System ein.

Ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie der Superorganismus auf wechselnde Umweltbedingungen reagiert, ist die Thermoregulation.

Im Brutnest hält das Bienenvolk die Temperatur vergleichsweise konstant. Stabentheiner und Kollegen beschreiben für die thermische Homöostase des Brutbereichs etwa 34–36 °C; frühere Arbeiten nennen für die Entwicklung von Larven und Puppen ungefähr 33–36 °C. Wichtig ist dabei: Diese Werte gelten nicht pauschal für die gesamte Beute. Außerhalb des Brutnestes ist die Temperaturregulation weniger genau.

Wichtig:

Die etwa 34–36 °C beziehen sich auf den regulierten Brutbereich – nicht pauschal auf die gesamte Bienenbeute.

Regulation bedeutet außerdem nicht, dass das Bienenvolk unabhängig von seiner Umwelt immer dieselben Bedingungen erzeugt. Verändert sich die Außentemperatur, passen die Bienen unter anderem Wärmeproduktion, räumliche Verteilung und Kühlverhalten an. Bei Kälte können Arbeiterinnen mit ihrer Flugmuskulatur aktiv Wärme erzeugen. Bei Wärme können Fächeln sowie das Eintragen und Verdunsten von Wasser zur Kühlung beitragen. Wie stark solche Mechanismen beansprucht werden, hängt damit auch von den äußeren Bedingungen ab.

Keine einzelne Biene kontrolliert dabei den gesamten Bienenstock. Die Regulation entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Individuen und reagiert fortlaufend auf innere und äußere Bedingungen. Gerade darin zeigt sich eine wesentliche Eigenschaft des Superorganismus.

Auch die genetische Vielfalt innerhalb eines Volkes kann zur Stabilität dieser kollektiven Regulation beitragen. In einer experimentellen Studie waren die Brutnesttemperaturen genetisch vielfältiger Völker stabiler; unterschiedliche Temperaturschwellen einzelner Arbeiterinnen beeinflussten dabei das Ventilationsverhalten auf Kolonieebene.

Die Luft im Bienenstock ist nicht einfach „da“

Dieser Gedanke ist für die Bienenstockluft besonders interessant.

In unserem Mai-Fachbeitrag haben wir uns mit der chemischen Zusammensetzung der Bienenstockluft beschäftigt. Im August ging es anschließend um Propolis und seine Verbindung zur Bienenstockluft.

Doch chemische Bestandteile sind nur eine Seite der Bienenstockumgebung.

Die andere ist physikalisch und biologisch: Die Bienen beeinflussen wesentliche Bedingungen ihrer Nestumgebung selbst, während diese zugleich von äußeren Faktoren mitgeprägt wird.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Ventilation.

Europäische Honigbienen leben natürlicherweise in relativ geschlossenen Hohlräumen. Wird eine aktive Belüftung notwendig, können Arbeiterinnen durch Fächeln Luftbewegungen erzeugen. Untersuchungen zeigen sogar, dass sich fächelnde Bienen am Nesteingang räumlich organisieren und dadurch Bereiche für ein- und ausströmende Luft entstehen können.

Auch CO₂ gehört zu diesem Regulationsgeschehen.

In einer 2022 veröffentlichten Studie veränderten Forschende gezielt die Ventilation von Bienenbeuten, indem sie Gitterböden öffneten beziehungsweise schlossen. Die Veränderung hatte keinen signifikanten Einfluss auf die gemessenen stündlichen Temperaturen. Die CO₂-Konzentrationen reagierten dagegen komplex: Die durchschnittlichen Werte waren bei geöffnetem Gitterboden sogar höher, während ausgeprägte tägliche CO₂-Zyklen auch unter erhöhter Ventilation erhalten blieben. Die Autoren folgerten daraus, dass die Regulation der CO₂-Konzentration im Bienenstock ein komplexes Verhalten des Bienenvolkes ist.

Ein Bienenstock ist daher kein passiver Behälter, aus dem lediglich Luft entnommen wird. Er ist die Lebensumgebung eines Volkes, das Bedingungen im Inneren aktiv mitreguliert und zugleich auf Veränderungen seiner Umwelt reagiert.

Und genau hier beginnt die Verantwortung bei einer Bienenstockluft-Anwendung.

Perspektivwechsel: Was erlebt eigentlich das Bienenvolk?

Eine professionelle Bienenstockluft-Anwendung wird verständlicherweise für Menschen geplant.

Der Anwender braucht einen geeigneten Platz. Die Luft muss kontrolliert geführt werden. Hygiene und Sicherheit müssen gewährleistet sein.

Aber was passiert, wenn wir die Perspektive einmal umdrehen?

Was verändert eine technische Anwendung aus Sicht des Bienenvolkes?

Diese Frage ist wichtig, denn das Volk reguliert seine Umgebung bereits, bevor irgendeine Technik hinzukommt.

Deshalb sollte ein bienengerechtes Konzept nicht nur fragen:

Wie bekommen wir die Bienenstockluft zum Menschen?

Sondern auch:

Wie können wir das tun und dabei möglichst wenig in die natürlichen Abläufe des Bienenvolkes eingreifen?

Luftentnahme: Mehr ist nicht automatisch besser

Bei einer Bienenstockluft-Anwendung wird Luft technisch aus der Bienenbeute zum Anwender geführt.

Dabei sollte man sich bewusst machen, dass die Bienen selbst Luftbewegungen erzeugen und wesentliche Bedingungen ihres Nestklimas mitregulieren. Diese Regulation steht zugleich unter dem Einfluss äußerer Bedingungen wie der Umgebungstemperatur.

Daraus ergibt sich ein wichtiges Konstruktionsprinzip: Eine technische Luftentnahme sollte kontrolliert, definiert und auf ihren vorgesehenen Zweck abgestimmt sein.

Es wäre wissenschaftlich nicht korrekt zu behaupten, dass eine bestimmte Öffnungsgröße oder ein bestimmter Luftstrom grundsätzlich optimal für jedes Bienenvolk ist. Dafür liegen bislang keine entsprechenden Vergleichsstudien vor.

Aber genau deshalb ist Vorsicht sinnvoll.

Ein veränderbarer Luftstrom verändert auch die technischen Bedingungen der Luftentnahme. Ebenso unterscheiden sich eine punktuelle Entnahme über einem kleinen Bereich der Beute und eine großflächigere Luftführung konstruktiv voneinander. Welche Auswirkungen unterschiedliche Absaugflächen und Luftströme konkret auf die Regulation eines Bienenvolkes haben, ist bislang jedoch nicht ausreichend vergleichend untersucht.

Beim beecura® SYSTEM wird die Ansaugung deshalb nicht während der Anwendung vom Betreiber beliebig eingestellt. Die Steuereinheit reguliert die Ansaugung systemseitig; der Luftstrom ist für die vorgesehene Anwendung festgelegt.

Nicht möglichst viel Luft entnehmen – sondern so viel wie für die vorgesehene Anwendung erforderlich.

Eine Welt voller Signale, die wir kaum wahrnehmen

Für Menschen erscheint ein Bienenstock vielleicht ruhig – abgesehen vom bekannten Summen.

Für Bienen ist ihre Umgebung wesentlich informationsreicher.

Neben chemischen und taktilen Signalen spielen auch mechanische und vibrationsbasierte Signale eine Rolle in ihrer Kommunikation. Verschiedene Signale können Aktivität, Futtersuche und andere kollektive Verhaltensweisen beeinflussen.

Bienen besitzen entsprechende Sinnesstrukturen zur Wahrnehmung solcher Schwingungen. Untersuchungen zeigen, dass mechanische Vibrationssignale über das Substrat – beispielsweise die Waben – übertragen und von Bienen wahrgenommen werden können.

Eine Studie aus dem Jahr 2024 ging noch einen Schritt weiter.

Forscher befestigten einen elektromagnetischen Schwingungserzeuger an der Außenwand von Bienenbeuten und erzeugten kurze, kontrollierte Vibrationsimpulse. Sensoren innerhalb der Waben zeichneten anschließend die Reaktion des Volkes auf. Die Reaktionen waren messbar und konnten zur Beurteilung unterschiedlicher Zustände des Bienenvolkes genutzt werden.

Das bedeutet nicht, dass jede Erschütterung einem Bienenvolk schadet.

Aber es zeigt etwas, das für die Planung einer Bienenstockluft-Station relevant ist: Mechanische Einwirkungen auf eine Beute sind für die Bienen nicht zwangsläufig bedeutungslos.

Wenn der Mensch Teil der Umgebung wird

Stellen wir uns nun eine Bienenstockluft-Station im täglichen Betrieb vor.

Menschen kommen und gehen. Sie gehen über den Boden, setzen sich, stehen wieder auf und bewegen sich innerhalb der Station. Dabei können mechanische Schwingungen entstehen.

Ob und in welchem Umfang solche durch Personen verursachten Bodenschwingungen ein Bienenvolk beeinträchtigen, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend untersucht. Deshalb wäre die pauschale Aussage „Bodenerschütterungen schaden den Bienen“ nicht gerechtfertigt.

Die Forschung zeigt uns jedoch, dass Honigbienen mechanische Schwingungen wahrnehmen und auf bestimmte Vibrationsreize reagieren.

Wenn sich unnötige mechanische Einwirkungen auf die Beuten konstruktiv reduzieren lassen, warum sollte man sie nicht reduzieren?

Bei der Planung einer Station kann deshalb beispielsweise darüber nachgedacht werden, wie Beuten aufgestellt und konstruktiv von regelmäßig begangenen Flächen getrennt werden können.

Nicht weil jede Erschütterung nachweislich schädlich wäre. Sondern weil eine bienengerechte Planung vermeidbare Einwirkungen auf das Bienenvolk von vornherein mitdenkt.

Der „Elefant-im-Porzellanladen-Effekt“

Vielleicht hilft ein einfaches Bild.

Was für uns wie eine geringfügige Bewegung erscheint, kann mechanische Schwingungen in Bauteile und Oberflächen übertragen. Honigbienen wiederum können substratübertragene Vibrationen wahrnehmen; solche mechanischen Signale spielen auch in ihrer Kommunikation eine Rolle.

Bei der Planung einer Bienenstockluft-Station sollten wir deshalb nicht zum sprichwörtlichen „Elefanten im Porzellanladen“ werden.

Eine Konstruktion sollte sich nicht ausschließlich danach richten, was für den Menschen bequem ist.

Liegeflächen, Laufwege, technische Komponenten und Beutenaufstellung können vielmehr so geplant werden, dass vermeidbare Bewegungen und mechanische Einwirkungen möglichst wenig auf die Bienenvölker übertragen werden.

Das ist keine medizinische oder biologische Wirksamkeitsaussage. Es ist ein Prinzip verantwortungsvoller Planung:

Erst verstehen, wie das Bienenvolk lebt – dann die Technik darum herum planen.

LEITGEDANKE

Die Technik ist Gast im Lebensraum der Bienen.
Erst verstehen, wie das Bienenvolk lebt – dann die Technik darum herum planen.

Die Technik ist Gast im Lebensraum der Bienen

Dieser Satz fasst die Perspektive vielleicht am besten zusammen.

Die Bienen sind nicht Teil einer technischen Anlage. Die technische Anlage wird in den Lebensraum der Bienen integriert.

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Für die Planung einer Bienenstockluft-Station verändert es jedoch die gesamte Fragestellung.

Statt: „Wo müssen die Bienenstöcke stehen, damit unsere Station funktioniert?“ lautet die Frage: „Wie muss unsere Station gestaltet sein, damit die Bienenvölker möglichst geeignete Bedingungen behalten?“

Statt: „Wie stark können wir Luft absaugen?“ fragen wir: „Welche kontrollierte Luftentnahme ist für die vorgesehene Anwendung erforderlich?“

Und statt: „Wie nahe können Anwender an den Bienenstöcken liegen?“ fragen wir: „Wie können wir den Aufenthalt für Menschen angenehm gestalten und gleichzeitig unnötige Einwirkungen auf die Bienenvölker vermeiden?“

Dieser Perspektivwechsel ist ein wesentlicher Bestandteil einer bienengerechten Bienenstockluft-Anwendung.

Bienenwohl und Qualität gehören zusammen

In unserem Juli-Beitrag über die 10 Qualitätsmerkmale einer professionellen Bienenstockluft-Anwendung haben wir bereits beschrieben, dass gesunde und vitale Bienenvölker, ein geeigneter Standort und der Schutz der Bienen zu den Grundlagen einer professionellen Anwendung gehören.

Der September-Beitrag geht bewusst einen Schritt weiter.

Er fragt nicht nur, was wir für die Bienen berücksichtigen sollten. Sondern warum.

Bienenstockluft entsteht innerhalb eines lebenden, sich selbst regulierenden Systems. Propolis wird von Bienen aus Pflanzenharzen hergestellt und in ihre Bienenstockumgebung integriert. Wachs wird von den Bienen produziert und zum Aufbau ihrer Waben verwendet. Nektar und Pollen werden gesammelt und weiterverarbeitet.

Diese Umgebung existiert nur durch das Bienenvolk.

Deshalb sollten wir auch vorsichtig mit einer zunächst naheliegenden Aussage sein: „Je wohler die Bienen, desto besser die Bienenstockluft.“ Das klingt plausibel, ist wissenschaftlich aber bislang nicht ausreichend untersucht und sollte nicht als belegter Zusammenhang dargestellt werden.

Bienenstockluft entsteht innerhalb einer Bienenstockumgebung, die wesentlich durch das lebende Bienenvolk und seine Aktivitäten geprägt wird.

Das allein ist Grund genug, das Bienenwohl nicht als Nebenthema zu behandeln.

Mensch und Biene – zwei Seiten einer professionellen Anwendung

Wenn wir über Qualität bei der Bienenstockluft sprechen, dürfen wir deshalb nicht ausschließlich den Menschen betrachten.

Natürlich braucht der Anwender einen sicheren und hygienisch organisierten Ablauf.

Aber gleichzeitig steht auf der anderen Seite ein lebendes Bienenvolk.

Was können wir aus der Forschung ableiten?

Die Wissenschaft beantwortet noch längst nicht jede praktische Frage rund um eine Bienenstockluft-Station.

Wir wissen heute beispielsweise nicht aus kontrollierten Studien, welche konkrete Stationskonstruktion für ein Bienenvolk „optimal“ ist.

Wir wissen auch nicht, wie sich unterschiedliche technische Absaugflächen bei ansonsten identischen Bedingungen langfristig auf ein Volk auswirken.

Und wir können nicht aus der vorhandenen Forschung ableiten, dass eine bestimmte Beutenbank oder Stationskonstruktion wissenschaftlich erwiesen besser ist als jede andere.

Aber wir wissen einiges über das System, mit dem wir arbeiten:

  • Honigbienenvölker können die Temperatur ihres Brutbereichs innerhalb eines engen Bereichs regulieren; außerhalb des Brutnestes ist diese Regulation weniger genau und äußere Bedingungen spielen eine wichtige Rolle.
  • Sie beeinflussen die Ventilation ihres Bienenstocks aktiv.
  • Temperatur- und CO₂-Muster entstehen auf Ebene des gesamten Volkes und reagieren komplex auf innere und äußere Bedingungen; sie lassen sich nicht auf einen einfachen passiven Luftaustausch reduzieren.
  • Mechanische beziehungsweise vibrationsbasierte Signale gehören zu ihrer Wahrnehmungs- und Kommunikationswelt; experimentell eingebrachte Vibrationsreize können messbare Reaktionen des Volkes auslösen.

Wenn wir Technik in ein komplexes biologisches System integrieren, sollten wir vermeidbare Eingriffe reduzieren und die natürlichen Regulationsmechanismen dieses Systems respektieren.

Vom Bienenstock aus denken

Vielleicht müssen wir deshalb die Ausgangsfrage einer Bienenstockluft-Anwendung verändern.

Nicht: „Wie können wir möglichst effizient Bienenstockluft gewinnen?“

Sondern: „Wie können wir Bienenstockluft nutzen und gleichzeitig die Bedürfnisse des Bienenvolkes konsequent mitdenken?“

Das beginnt beim Standort. Es betrifft die Konstruktion der Station. Es betrifft Bewegungen und mögliche mechanische Übertragungen. Es betrifft die Luftführung. Und es betrifft die imkerliche Betreuung der Bienenvölker.

Das beecura® SYSTEM folgt dabei dem Prinzip eines definierten technischen Aufbaus. Die Ansaugung wird durch die Steuereinheit reguliert; der Luftstrom ist systemseitig vorgegeben und muss vom Betreiber während der Anwendung nicht manuell verändert werden.

Aber Technik allein kann niemals eine bienengerechte Anwendung garantieren.

Entscheidend bleibt, wie die gesamte Station geplant, betrieben und imkerlich betreut wird.

Fazit: Das Bienenvolk kommt zuerst

Je mehr wir über Honigbienen lernen, desto weniger erscheint der Bienenstock als einfache Behausung.

Er ist der Lebensraum eines Superorganismus.

Tausende Bienen koordinieren ihr Verhalten, regulieren insbesondere den Brutbereich thermisch, beeinflussen die Ventilation und reagieren fortlaufend auf innere und äußere Veränderungen.

Bienenstockluft entsteht mitten in diesem komplexen System.

Deshalb sollte eine professionelle Bienenstockluft-Anwendung nicht nur danach beurteilt werden, wie gut sie für den Menschen funktioniert.

Sie sollte deshalb auch eine zweite Frage berücksichtigen:

Was bedeutet unsere Anwesenheit und unsere Technik für die Bienen?

Nicht jede mögliche Auswirkung ist bereits wissenschaftlich untersucht. Gerade deshalb ist ein vorsorgender und respektvoller Umgang mit dem Bienenvolk sinnvoll.

  • Unnötige mechanische Einwirkungen vermeiden.
  • Luft kontrolliert führen.
  • Natürliche Regulationsmechanismen berücksichtigen.
  • Standort und Station aus Sicht der Bienen mitplanen.

Denn die Bienen sind nicht Teil unserer Technik. Unsere Technik ist Gast in ihrer Welt.

Das Wohl des Menschen und das Wohl der Bienen gemeinsam zu denken.

Hinweis

Dieser Fachbeitrag dient der allgemeinen Information und Wissensvermittlung über Honigbienen, Bienenstockluft und Bienenstockluft-Anwendungen. Die dargestellten wissenschaftlichen Untersuchungen beziehen sich auf die jeweils beschriebenen Versuchsbedingungen. Erkenntnisse zur Thermoregulation, Ventilation und Vibrationswahrnehmung von Honigbienen dürfen nicht ohne Weiteres auf einzelne technische Konstruktionen oder konkrete Bienenstockluft-Systeme übertragen werden.

Der Beitrag unterscheidet daher bewusst zwischen wissenschaftlich untersuchten Zusammenhängen und daraus abgeleiteten fachlichen Vorsorge- und Planungsprinzipien.

Über die Autorin

Beate McKenzie begleitet beecura® seit vielen Jahren in den Bereichen internationale Kundenbetreuung, Marketing und Wissensvermittlung. Als Tochter des beecura®-Entwicklers Jürgen Schmiedgen verfügt sie über langjährige praktische Erfahrung mit dem beecura® SYSTEM und beschäftigt sich intensiv mit der internationalen Forschung rund um Bienenstockluft, Propolis und Apitherapie.

Der Fachbeitrag verbindet wissenschaftliche Literatur mit langjährigem Produkt- und Praxiswissen rund um das beecura® SYSTEM.

Beate McKenzie, Wissensvermittlerin und Referentin für Bienenstockluft

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

Stabentheiner A., Kovac H., Brodschneider R. (2010). Honeybee Colony Thermoregulation – Regulatory Mechanisms and Contribution of Individuals in Dependence on Age, Location and Thermal Stress. PLOS ONE 5(1): e8967. DOI: 10.1371/journal.pone.0008967.

→ Volltext bei PLOS ONE

Stabentheiner A., Kovac H., Mandl M., Käfer H. (2021). Coping with the cold and fighting the heat: thermal homeostasis of a superorganism, the honeybee colony. Journal of Comparative Physiology A 207, 337–351. DOI: 10.1007/s00359-021-01464-8.

→ Volltext bei Springer Nature

Jones J.C., Myerscough M.R., Graham S., Oldroyd B.P. (2004). Honey bee nest thermoregulation: diversity promotes stability. Science 305(5682), 402–404. DOI: 10.1126/science.1096340.

→ Studie bei PubMed

Peters J.M., Peleg O., Mahadevan L. (2019). Collective ventilation in honeybee nests. Journal of the Royal Society Interface 16(150): 20180561. DOI: 10.1098/rsif.2018.0561.

→ Volltext bei PubMed Central

Meikle W.G., Barg A., Weiss M. (2022). Honey bee colonies maintain CO₂ and temperature regimes in spite of change in hive ventilation characteristics. Apidologie 53, 51. DOI: 10.1007/s13592-022-00954-1.

→ Volltext bei Springer Nature

Chehaimi S., Kirchner W.H. (2024). Sex and caste effects on the vibrational sensitivity in honey bees (Apis mellifera). Apidologie 55, 44. DOI: 10.1007/s13592-024-01091-7.

→ Volltext bei Springer Nature

Bencsik M., McVeigh A., Claeys Bouuaert D. et al. (2024). Quantitative assessments of honeybee colony’s response to an artificial vibrational pulse resulting in non-invasive measurements of colony’s overall mobility and restfulness. Scientific Reports 14, 3827. DOI: 10.1038/s41598-024-54107-8.

→ Volltext bei Scientific Reports

Ergänzende Fachquelle: Agroscope – Zentrum für Bienenforschung. Die Schweizer Forschungseinrichtung nennt gesunde, starke Völker und die Gesunderhaltung der Bienenvölker als Grundlage guter imkerlicher Praxis. Diese Quelle dient der fachlichen Einordnung und wird nicht als Primärstudie verwendet.

→ Agroscope – Zentrum für Bienenforschung

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